Wann kommt den nun der Landarzt?

Seit 2006 steigt die Anzahl berufstätiger Ärzte in Deutschland im Durchschnitt um 1% bis 2% jährlich, in den letzten 5 Jahren davon ist der Anstieg sogar geringfügig größer (>siehe< Seite: 10).

Wenn demzufolge Jahr für Jahr immer mehr Ärzte tätig sind, weshalb ist dann die Rede von einem Ärztemangel?gku

Der Ärztemangel bezieht sich in Deutschland besonders auf fehlende Nachfolger im Allgemeinmedizinischen Bereich (Hausärzte), welche besonders stark in strukturschwachen Gebieten ausbleiben.

Um diesem Problem entgegen zu wirken muss man zunächst seine Ursachen beleuchten:

Das Tätigkeitsfeld des niedergelassenen Hausarztes betrifft die Erstversorgung von im unmittelbaren Umkreis der Praxis lebenden Patienten mit uncharakteristischen Beschwerden. Dabei kommt es jedoch nur bei jedem zehnten Fall zu einer exakten Diagnose, denn meist müssen die Patienten zum Facharzt überwiesen werden, der die Ursache dieser Beschwerden genau bestimmen kann. Eine weitere Aufgabe des Hausarztes ist folglich Klassifizierung von Symptomen und die Fälleverteilung. Da aus verschiedensten Gründen, wie zum Beispiel fehlendes Transportmedium, zu hohes Alter oder zu langer Anfahrtsweg,  nicht alle Patienten in die Praxis kommen können, um sich in der Sprechstunde untersuchen zu lassen, werden auch Hausbesuche durchgeführt. Diese machen das Arbeiten im ländlichen Raum problematisch, da die weiten Fahrstrecken von Dorf zu Dorf so zeitraubend sind. Des Weiteren müssen periodisch Bereitschaftsdienste für die Notfallversorgung abgeleistet werden. Im Süden des Jerichower Landes betrifft das alle 4-6 Wochen, da genügend Ärzte vorhanden sind, um sich untereinander regelmäßig abwechseln zu können. In strukturschwachen Gebieten ist die Ärztedichte geringer, d.h. weniger Ärzte müssen ein gleichgroßes Gebiet durchgängig mit Bereitschaftsdiensten versorgen.

Einer der Hauptursachen für Ärztemangel in Sachsen-Anhalt ist in dem wachsenden Bedarf medizinischer Versorgung zu sehen. Diesem liegt der demographische Wandel, der besonders stark hierzulande von statten geht, zu Grunde. Viele junge Menschen verlassen das Bundesland und kehren nicht zurück, was einen Bevölkerungsrückgang zur Folge hat. Die Geburtenraten sinken also während das Durchschnittsalter steigt.ugk

Die durchschnittliche Lebenserwartung in unserem Bundesland ist bei Männern 76 und bei Frauen 81 Jahre. Wenn sich der Trend hält wird es prozentual immer mehr alte als junge Menschen geben, die öfter medizinische Behandlungen benötigen.

Hinzu kommt Fakt, dass sich immer weniger ausgebildete Ärzte in strukturschwachen Regionen, wie der Altmark oder der Börde, niederlassen wollen. Es fehlt hier an der medizinischen Grundversorgung von Hausärzten. Grund dafür ist vor allem der Trend zur klinischen Laufbahn und der zur Spezialisierung, da hierbei die Hoffnung auf eine erfolgreiche Karriere besteht. Ein dadurch bedingtes Problem sind somit fehlende Nachfolger für bereits existierende Praxen. Viele Hausärzte müssen deswegen weit über das Rentenalter hinaus arbeiten. Genau deswegen wird sich der Mangel an niedergelassenen Ärzten in naher Zukunft nicht beruhigen können, denn von den rund 1400 in Sachsen-Anhalt praktizierenden Hausärzten werden innerhalb der nächsten neun Jahre 825 (59%) das Ruhestandsalter erreichen. Daraus ergibt sich eher eine Verschärfung der Problematik.

Folglich lässt sich also sagen: „Die Zahl der Ärzte steigt, aber der Bedarf steigt schneller.“ So fasste Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), die Ergebnisse der Ärztestatistik für das Jahr 2015 zusammen.fh

Aus diesen Ursachen ergibt sich logischerweise ein Problem für die Zukunft für welches dringend Lösungsansätze gefunden werden müssen. Zwei Beispiele sollen die Auswirkungen verdeutlichen:

  1. 10.14

„Im Kreis Altmark nehmen Hausärzte nun keine neuen Patienten mehr an. Darüber wird exemplarisch in der AZ-Online berichtet. Ursache ist die Schließung einer Hausarztpraxis in Dähre, für die bislang kein Nachfolger gefunden wurde.“

  1. 08.2014

„Wenn die vier über 70 Jahre alten Hausärzte in Wolmirstedt (11.500 Einwohner) ihre Praxen mangels Nachfolger aufgeben, droht der Region ein eklatanter Hausärztemangel. Schon jetzt sind alle acht Hausärzte in Wolmirstedt so ausgelastet, dass sie kaum noch neue Patienten aufnehmen können.“

Da das Problem schon langfristig bekannt ist, scheint es besonders wichtig zu sein den Schwerpunkt hierbei nicht auf die fatalen Auswirkungen und Zukunftsprognosen zu legen sondern über Lösungsansätze nachzudenken:

Eines steht fest: Man muss den Arztberuf in strukturschwachen Regionen attraktiver machen. So sollten doch eher positive als negative Aspekte dieses Berufes genannt werden. Ein wesentlicher Vorteil des Hausarztes ist zum Beispiel ein viel persönlicheres Verhältnis zum Patient, da man ihn teilweise über mehrere Jahrzehnte betreut und ihn somit auch als Menschen kennen lernen kann. Außerdem sieht man ein weitaus größeres Spektrum an Krankheitsbildern als ein spezialisierter Arzt. Des Weiteren genießt der Hausarzt als Selbstständiger viel mehr Freiheiten, da er der „Krankenhaushierarchie“ nicht unterworfen ist und kann somit selbst entscheiden wie er seinen Alltag gestalten möchte. Zudem hat ein Gutachten des IGES-Institutes festgestellt, dass Hausärzte in ländlichen Gebieten ein um 14% höheres Honorar erhalten als die in Berlin. Die Bezahlung scheint demnach ein weiteres Argument zu sein sich auf dem Land niederzulassen.

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Ultraschallgerät

Man könnte weiterhin für Niederlassungen werben, indem man das finanzielle Risiko, welches Ärzte mit dem Erwerb einer Praxis und dessen notwendiger Technik eingehen, senkt. Neben finanzieller Unterstützung muss auch das Führen eines Unternehmens den zukünftigen Hausärzten beigebracht werden. Man sollte demnach betriebswirtschaftliche Kurse in das Medizinstudium integrieren, um die jungen angehenden Ärzte auch darauf vorzubereiten.

Um den Hausärzten Arbeit abzunehmen könnte man die Unterstützung durch medizinische Fachangestellte/Arzthelfer erhöhen. Beispielsweise könnten bestimmte Hausbesuche (Nachuntersuchungen, Vitalzeichen messen o.ä.) oder Sprechstunden für chronisch kranke Menschen oder sonstige leichte Erkrankungen von entsprechend weitergebildetem Pflegepersonal übernommen werden. Hierfür müssen jedoch die entsprechenden Finanziellen Mittel gegeben sein. Geht man sogar noch einen Schritt weiter könnte man ein verpflichtendes Soziales Jahr einführen, in dem viele junge Leute medizinische Unterstützung leisten könnten und gleichzeitig einen Einblick in dieses Arbeitsfeld erhalten würden.

Das wichtigste ist jedoch Medizinstudenten, z.B. durch mehr Pflichtpraktika, an den Praxisalltag heranzuführen. Nur so können sie sich auch wirklich vorstellen dort später zu arbeiten.

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Werbeaktion der Bundeskassenärztlichen Vereinigung

 


~von Philipp Ulbrich

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